Beitrag vom 03. Oktober, 2018,
um 13.14 Uhr
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Ute Flockenhaus

Außer Rand und Band

Die Satzzeichen sind außer Rand und Band: Das Ausrufezeichen hat Hochkonjunktur, das Semikolon stirbt aus und Smartphone-Nutzer leiden unter akuter Kommaphobie. Bleibt uns noch der gute alte Punkt. Wenigstens er verschafft uns eine Atempause im rauschenden Zeichenstrom. Und hin und wieder ein Fragezeichen, allerdings selten. Man gibt sich lieber laut und meinungsstark, statt zu fragen. Oder zu hinterfragen.

Das Ausrufezeichen jedoch passt in unsere Zeit. Es ist Satz- und Zeitzeichen. Offenbar wird es heute dringender gebraucht als früher. Weil man das Gefühl hat, sonst nicht gehört zu werden? Das Ausrufezeichen ist jedoch kein normales Satzzeichen, es ist als Sonderzeichen vorbehalten für Ausrufe (Oh!), Warnungen (Vorsicht, Stufe!), Wünsche (Friede auf Erden!) und Aufforderungen (Ruhe!). Eigentlich. Aber wen schert das schon? Die Werbung nicht (Sommerschlussverkauf!), den Toilettenbetreiber nicht (Die Benutzung der Toilette ist kostenlos!) und einen Trump-Tweet erst recht nicht. Kein presidential Tweet ohne exclamation mark (Make America Great Again!, Es schneit und friert in New York. Wir brauchen globale Erwärmung!)! – !!!  

Fest steht: Das Ausrufezeichen ist laut. Es schreit. Es will. Oft will es mehr, als es opportun ist. Auch Adorno, Kulturphilosoph der Frankfurter Schule, mochte es nicht sonderlich. Es sei eine „verzweifelte Schriftgebärde, die vergebens über die Sprache hinaus möchte“.

Jedoch: Wenn die Sprache nicht aus sich selbst heraus etwas zustande bringt, dann nützt auch der Einsatz eines Satzzeichens nichts. Eine fake news wird nicht wahrer, wenn sie lauter vorgetragen wird. Ok, das ist eine steile These, sehr spekulativ. Vielleicht sage ich besser: Es ist ein Hoffnung. Denn erinnern wir uns bitte: Vor 85 Jahren gab es schon einmal ein Diktat des Ausrufezeichens. Remember? 

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