Vom Wert, über das eigene Leben zu schreiben

Beitrag vom 08. Januar, 2020,
um 12.43 Uhr
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Ute Flockenhaus

Buchprojekt: Autobiografie

Warum schreiben Menschen Autobiografien? Hat eine Autobiografie nicht auch schnell den Beigeschmack der eigenen Überhöhung, des eigenen Sich-zu-wichtig-Nehmens? Denn letztendlich ist unser eigenes Leben im großen Weltenlauf doch nur ein kleiner Punkt ... Lohnt es sich, darum so viel Aufhebens zu machen und ein eigenes Buch darüber zu verfassen? Andererseits haben wir eben nur diesen Punkt und vielleicht, wenn wir ihn unter das Mikroskop unserer Erinnerungen und Erfahrungen legen, wird er zu einem spannenden und bunten Kaleidoskop, das auch andere gerne betrachten und für sie Inspiration und Anregung sein kann.

Was also rechtfertigt das autobiografische Schreiben, wenn man nicht Michelle oder Barack Obama, Helmut Schmidt oder eine ähnlich prominente Lichtgestalt ist? Welche Themen werden uns beim autobiografischen Schreiben beschäftigen? Welchen Weg sollten wir einschlagen, um ein autobiografisches Werk zu verfassen, das wir später gerne aus der Hand geben und das andere mit Gewinn lesen? Das sind Fragen, die man sich als Autobiograf unweigerlich stellt.
 

Gute Gründe für eine Autobiografie
Für viele Autobiografen ist die eigene Biografie eine Art Hinterlassenschaft, ein Erbe, das sie der Nachwelt, zumeist den Kindern und der Familie vermachen möchten, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse über ihren Tod hinaus lebendig zu halten. Menschen, die die dunkle Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebt haben, möchten vielleicht auch daran gemahnen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Sie haben eine Botschaft oder möchten ihr Leben begreifbar machen. Andere bewegt die eigene Herkunft, die familiären Ursprünge und Zusammenhänge, die helfen können, familiäre Konstellationen besser zu verstehen. Nicht selten mag auch der Wunsch nach einer Klarstellung oder Abrechnung mit Weggefährten beim autobiografischen Schreiben mitschwingen – wenngleich ich diese Motivation problematisch finde.

Wie auch immer Ihre Gründe gelagert sind, wichtig für Sie als Autobiograph ist es, sich über die eigenen Motive im Klaren zu sein. Was wollen Sie vermitteln? Was ist Ihnen wichtig? An wen wendet sich Ihr Buch?

Ohne klare Antworten auf diese Fragen wird man sich schnell in der Vielfalt von irrelevanten Details verlieren und keinen roten Faden für das Buch entwickeln können. Verwenden Sie zu Beginn Ihres autobiografischen Schreibprojektes genügend Zeit  auf die Klärung Ihrer Motivation für das Buch.
 

Die Frage nach der Wahrheit
Über das eigene Leben zu schreiben bedeutet nicht, unser Leben so wiederzugeben, wie es war. Dann müssten wir alle Details, jeden Kontext und jede Chronologie genauestens erinnern und formulieren können. Doch schon unsere Erinnerung ist selektiv. Sie wählt aus und beleuchtet die Dinge höchst subjektiv. Jeglicher Anspruch auf eine „objektive Wahrheit“ wäre hoffnungslos illusionistisch.

Was wir als Autobiografen vielmehr tun ist, unsere subjektive Sichtweise der Dinge zu beschreiben. Mit unseren Worten stellen wir „die Welt probeweise zusammen“ (Ludwig Wittgenstein) und für den Autobiografen ist es gut, sich dessen bewusst zu sein. Nicht zuletzt ist es gerade diese Subjektivität – unsere ureigene und individuelle Sichtweise –, die unseren Text für andere interessant macht. Bemühen wir uns also nicht um objektive „Wahrheit“, sondern um Einzigartigkeit und Originalität.
 

Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden
Wenn wir mit dieser Erlaubnis zur Subjektivität schreiben, können wir unseren Gedanken dann freien Lauf lassen, alles so beschreiben, wie wir meinen, es erlebt zu haben, wie es uns in den Sinn kommt?

Auch hier ist Vorsicht geboten. Nehmen wir als beispielhafte Episode eine feuchtfröhliche Familienfeier, auf der Onkel Paul einen über den Durst getrunken hatte und ihm in Folge sein Verhalten entglitten war. Wir erinnern die Situation als lustig und harmlos, auch wenn Onkel Paul nicht wirklich gut dabei wegkommt. Sollen wir die Episode beschreiben, nur weil sie passiert ist?

Drei Überlegungen können Ihnen bei solchen Frage helfen:

  1. Ist die Episode relevant für das, was ich erzählen möchte?

  2. Muss ich alles bis ins Detail erzählen
    oder kann ich nicht auch auf die Interpretation des Lesers vertrauen?

  3. Verletzt die Darstellung die Persönlichkeitsrechte von Onkel Paul?

Die Entscheidung relevant/irrelevant setzt voraus, dass Sie sich vorab darüber Klarheit geschaffen haben, was genau Sie erzählen möchten und was Ihnen daran wichtig ist. Weiterhin dürfen Sie und sollten Sie ruhig auf die Intelligenz und Phantasie des Lesers vertrauen. Frei nach dem Motto „weniger ist mehr“ gewinnen Texte ihre Kraft gerade dadurch, dass nicht alles bis ins Detail beschrieben ist und der Leser sie mit seiner eigenen Phantasie ausschmücken kann.

Eine gute Schreibregel: Wichtiges wird ausgeleuchtet und bekommt Raum, auf Unwichtiges verschwenden wir so wenige Worte wie möglich.
 

Die Wahrung der Persönlichkeitsrechte
Beim autobiografischen Schreiben kommen wir nicht darum herum, auch über andere Menschen zu schreiben. So lange wir dabei nicht gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen, ist das auch in Ordnung. Allerdings balancieren wir dabei oftmals auf einem schmalen Grat.

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst zum Beispiel den Schutz der persönlichen Ehre und das Recht am eigenen Wort und Bild oder die Darstellung der eigenen Person. In allen diesen Bereichen hat jeder die Möglichkeit mitzubestimmen, wie weit Informationen über ihn öffentlich werden dürfen. Eine Sonderrolle nehmen hierbei Personen der Zeitgeschichte, wie Politiker oder Schauspieler ein.

Zu den Persönlichkeitsrechten1 gehören:

- Schutz des privaten Lebensbereiches, z.B. Tagebuchaufzeichnungen und Krankenakten.

- Das Recht auf Selbstdarstellung: Es gewährleistet, dass der Einzelne bestimmen kann, wie er sich in der Öffentlichkeit darstellt. Es schützt ihn vor ungewollter, verfälschter oder ehrenrühriger Darstellung durch Dritte. Dazu gehört z.B. das Recht am eigenen Bild, die Vertraulichkeit des Gesprächs und es verbietet, dass einem fremde Äußerungen zugeschrieben werden.

- Veröffentlichung oder öffentlichkeitswirksame Nennung des eigenen Namens.

- Schutz der eigenen Ehre.

- Schutz vor Beleidigungen.

Ob dieser umfassenden Rechtseinräumung könnte man nun dagegenhalten, dass es doch auch so etwas wie Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst gibt und beides ja erheblich durch die Persönlichkeitsrechte eingeschränkt ist. Ja, dem ist so. Denn das Persönlichkeitsrecht steht über der allgemeinen Handlungsfreiheit (Art. 2 Absatz 1 GG) und damit auch über der Meinungsfreiheit oder der Freiheit der Kunst. Zahlreiche Medienprozesse und indizierte Bücher sind hierfür einschlägige Belege. Noch heute ist z.B. der Roman „Esra“ von Maxim Biller verboten, weil sich eine Freundin des Autors in der Titelfigur wiedererkannt hat. Biller hatte seine Romanfigur nicht genügend fiktionalisiert.

Die Freiheit des Schreibens stößt also rasch an ihre Grenzen, wenn die Persönlichkeitsrechte ins Spiel kommen. Das Persönlichkeitsrecht ist in Deutschland ein Grundrecht und steht jedem zu. Seine Verletzung ist ein schwerwiegender Vorgang. Im Zweifel sollten wir einen Fachanwalt für Medien- oder Presserecht die betreffenden Stellen prüfen lassen.

1 Wikipedia.org (abgerufen am 12.11.2019)
 

Der autobiografische Ich-Erzähler
Anders als bei fiktionalen Texten ist die Ich-Perspektive beim autobiografischen Schreiben vorgegeben und macht nicht zuletzt auch den Reiz dieser Literaturgattung aus. Den Leser interessiert die persönliche Sichtweise des Autors, durch seine Brille wollen sie Geschehnisse betrachten und erfahren, wie ihn das Erlebte verändert und geprägt hat. Das sollte uns ermutigen, unserer Subjektivität freien Lauf zu lassen und eigene Worte für das zu finden, was wir erzählen möchten.

Gleichzeitig bedeutet die Ich-Perspektive eine Beschränkung, denn wir können nicht beschreiben, was andere denken oder fühlen, wie das bei einem auktorial erzählten Text der Fall wäre, in dem der Erzähler allwissend ist. Der Horizont bleibt stets auf den Ich-Erzähler beschränkt.

Wenn wir eine Autobiografie schreiben, geht es um uns, den Autor – selbstredend. Unser Denken und Erleben steht im Zentrum. Dennoch ist auch der autobiografische Schreiber gut beraten, hinter das Erzählte zurückzutreten und sich nicht selbst zum Mittelpunkt zu machen. Er würde damit Gefahr laufen, sich selbst zu wichtig zu nehmen und den Leser zu langweilen. Was den Leser interessiert, sind in erster Linie nicht die Heldentaten des Autors, sondern eine gute Geschichte. Dazu bedarf es keines glatten Super-Heros, sondern einer Betrachtungsweise, die Widersprüche und Unebenheiten schildert, Brüche und Macken zulässt. Trauen Sie sich, originell zu erzählen und benutzen Sie Ihre eigene Sprache, nur so wird Ihr Text Glaubwürdigkeit und Authentizität erhalten.
 

Der Lohn
Wenn wir ein autobiografisches Werk verfassen, schreiben wir eine Geschichte über unser Leben. Wir kreieren einen Plot, indem wir Unwichtiges weglassen, besondere Akzente setzen und ausgewählte Ereignisse in einer bestimmten Art und Weise darstellen. Nicht dass wir etwas erzählten, was nicht der Wahrheit entspräche. Dennoch schaffen wir etwas, eine Geschichte, die in gewisser Weise auch ein Konstrukt ist. Ein Konstrukt, das uns geprägt hat und für unser Leben wichtig war. Aus der Vielfalt des Lebens wählen wir aus und bringen eine gewisse Ordnung in unser Leben. Der Stoff unserer Geschichte sind unsere Erinnerungen. Indem wir uns intensiv damit beschäftigen, werden wir viele Dinge tiefer und grundlegender verstehen. Wir werden Themen entdecken, die sich in unserem Leben wiederholen und vielleicht zu einem sinnvollen großen Ganzen zusammensetzen.

Wenn uns dies beim autobiografischen Schreiben gelingt, streichen wir einen doppelten Lohn ein: Wir haben ein bleibendes Werk geschaffen, das wir an unser Umfeld, unsere Kinder weiterreichen können. Und wir haben ein tieferes Verständnis unseres eigenen Lebens erlangt, das uns das Hier und Jetzt noch bewusster erleben lässt.
 

Fazit: Es lohnt sich in jedem Fall, eine Autobiografie zu schreiben. Zum einen für uns selbst, aber auch andere profitieren davon, wenn wir sie an unserem Leben teilhaben lassen.

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